Zur Suche.

Deutschland in der Bildungsmisere: Interview mit Dr. Klaus Kinkel

26.07.2010

Stiftungsvorsitzender Dr. Klaus Kinkel nimmt im Sommerinterview Stellung zu aktuellen bildungspolitischen Themen und gibt Ausblick auf die Stiftungsarbeit im Herbst.


Herr Dr. Kinkel, bereits vor dem Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr haben Sie in Interviews und Gastbeiträgen darauf hingewiesen, dass immer mehr Wahlen über Bildungsthemen entschieden werden. Sie haben die Politiker zum Handeln und einem Umdenken in Sachen Bildungsföderalismus aufgefordert. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle politische Entwicklung?

Zum einen mit Unverständnis zum anderen mit Enttäuschung. Es kann doch nicht sein, dass die Bildungspolitiker – vor allem in den Ländern - in erster Linie immer noch vorrangig eigene Interessen und Ideologien verfolgen ohne Rücksicht auf diejenigen, um deren Wohl sie sich kümmern sollten. Ich habe weder Verständnis für das Gezerre um die unterschiedlichen Schulsysteme in den Ländern noch für die Feilscherei bei der Bildungsfinanzierung. Ich werbe nach wie vor für eine gemeinsame Bildungsverantwortung von Bund, Ländern und Kommunen. Es wird ja auch dauernd darüber geredet, aber nicht gehandelt. Die von vielen Seiten inzwischen geforderte Grundgesetzänderung wäre sicher eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür. Bund und Länder müssen in Sachen Bildung an einem Strang ziehen dürfen. Es kann nicht sein, dass der Bund nur zahlen soll, aber nicht mitreden darf.


Wie sollte Ihrer Meinung nach ein erfolgreiches Bildungssystem aussehen?

Es muss ein System sein, dass individuelle Potenziale stärker in den Vordergrund stellt – das gilt für die Breite, aber genauso auch für die Spitze. Wir müssen Kinder und Jugendliche, die Unterstützung benötigen, weil sie aus bildungsfernem Hintergrund oder aus Zuwandererfamilien stammen, genauso fördern wie diejenigen, die aus besser gestellten Familien kommen. Ich beobachte gerade in den vergangenen Jahren viele positive Ansätze, aber das reicht noch nicht, wie der jüngst veröffentlichte Bildungsbericht gezeigt hat. Wir müssen uns in Deutschland vor allem mehr um diejenigen kümmern, die keine gleichen Startchancen haben. Unser Bildungssystem ist nach wir vor ungerecht.


Was konkret tut die Telekom-Stiftung, um gute Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu bieten?

Gemeinsam mit unseren Partnern konzipieren und realisieren wir Projekte entlang der Bildungskette. Wenn diese Vorhaben dann, aufgrund wissenschaftlicher Begleitung, für erfolgversprechend befunden werden, bieten wir sie der Bildungspolitik und anderen Interessierten zur Verbreitung an. Wir arbeiten dabei ganz stark an der wichtigen Stellschraube Lehrerbildung. Denn die Pädagogen, aber auch die Fachkräfte in den Kitas sind – neben den Eltern - die wichtigsten Weichensteller für die Bildungswege junger Menschen. Ohne Lehrer keine Bildung, so einfach ist das! Als Stiftung helfen wir mit, die Kompetenzen der Fachkräfte und Pädagogen vor allem in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu stärken. Denn nur wer diese Fächer mit Leidenschaft und Kompetenz unterrichtet, wird die Kinder für diese Themen begeistern. So hat auch Bildungsministerin Schavan sich immer wieder für die Lehrerbildung stark gemacht und die Bildungspolitiker aufgefordert, das Thema auf der Agenda nach ganz oben zu setzen. Da kann ich ihr nur zustimmen.


Können Sie Projekte nennen, die verdeutlichen, wie die Verbreitung guter Bildungsideen funktioniert?

Wenn wir zum Beispiel den Bereich Kita betrachten – nebenbei bemerkt eine der Schwachstellen im Bildungssystem mit gigantisch zersplitterten Ansatzpunkten in den einzelnen Ländern -, dann nenne ich unser Projekt „Natur-Wissen schaffen“. Hier geht es darum, den Kita-Fachkräften mit Hilfe von Fachbüchern und Schulungen Anregungen für die Vermittlung von altersgerechten mathematisch-naturwissenschaftlichen-technischen Kenntnissen zu geben. Wie diese Fachbücher in der täglichen Kita-Praxis zu nutzen sind, erläutern wir in Seminaren, die wir bundesweit und in Zusammenarbeit mit den Ländern und den Kita-Trägern anbieten.

Im Programm „Weiterführende Schule“ sind wir unter anderem mit dem Projekt „Schule interaktiv“ sehr erfolgreich unterwegs. Hier werden wir im Herbst zu einer großen Tagung einladen, auf der wir vorstellen, wie Schulen das Lehren und Lernen mit Hilfe neuer Medien verbessern können. Dieses Projekt läuft bei uns jetzt aus, wird aber von den Bundesländern Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen übernommen. Das ist für uns ein toller Erfolg und so etwas hat es meines Wissens auch bislang noch nicht gegeben.

Und auch was unsere Projekte zur Aus- und Fortbildung von Mathematiklehrern angeht, haben wir Partner gefunden, die unsere Erkenntnisse nutzen und teilweise in neuen, eigenen Konzepten verarbeiten. Auf all das sind wir ungemein stolz, denn das belegt, dass wir mit unseren Ansätzen in der richtigen Richtung unterwegs sind.








© Deutsche Telekom Stiftung 2010

Impressum| Datenschutz| Kontakt